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11.06.2019 12:35

«Alle anderen profitieren vom Flughafen – wir in Allschwil leiden darunter»

ja. Der Allschwiler Gemeinderat Franz Vogt vertritt als einer von zwei Vertretern aus der Bevölkerung deren Interessen in der Fluglärmkommission, die den Regierungsrat Basel-Landschaft bei der Behandlung von Fluglärmfragen im Zusammenhang mit dem EuroAirport berät. Franz Vogt über seinen weiten und steinigen Kampf gegen noch mehr Fluglärm.

Franz Vogt, leiden Sie persönlich unter der zunehmenden Lärmbelastung durch den benachbarten EuroAirport?
Franz Vogt: In meinem Amt geht es nicht primär um mein persönliches Befinden. Tatsache ist, dass sich viele Allschwiler erheblich in ihrem Wohlbefinden gestört fühlen. Ich werde von vielen Bürgerinnen und Bürgern immer wieder auf dieses Problem angesprochen.

Welche negativen Auswirkungen hat der zunehmende Flugverkehr auf Sie und Ihr Umfeld?
Der Fluglärm ist zweifelsohne der Faktor, der die Lebensqualität in Allschwil am stärksten negativ beeinflusst. Vor allem in der warmen Jahreszeit und in der Freizeit ist man doch empfindlich in seinem Wohlbefinden gestört. Gespräche werden immer wieder für eine «Schweigeminute» unterbrochen. Erholung ist so schwierig.

Zurzeit läuft eine vom Allschwiler Gemeinderat lancierte Petition gegen Fluglärm, mit der Unterschriften gesammelt werden, um den Regierungsrat Basel-Landschaft zum Handeln aufzufordern. Warum kämpft die Gemeinde Allschwil gerade aktuell derart aktiv gegen den zunehmenden Fluglärm an?
Für den Gemeinderat ist der Fluglärm ein Dauerthema. Und so etwas wie der berühmte Kampf gegen Windmühlen. Unsere Lage ist nicht komfortabel. Wir als Gemeindebehörde haben keinerlei direkte Weisungsbefugnis. Wir Allschwiler sind als direkt Betroffene eine kleine Minderheit, einzig Schönenbuch, Binningen und das Neu-badquartier haben auf Schweizer Seite auch eine gewisse Betroffenheit. Alle anderen profitieren vom Standortvorteil Flughafen ohne eine Last zu tragen. Somit ist es einfach, uns in die «Nörgler-Ecke» zu stellen und unsere Belastung kleinzureden.

Die Gemeinde Allschwil ist mit Ihnen und Ihrem Gemeinderatskollegen Philippe Hofmann, dem aktuellen Vorsitzenden des Gemeindeverbunds Flugverkehr (GV), bei der Bekämpfung des Fluglärms an vorderster Front aktiv. Trägt dieser Einsatz bereits Früchte oder steht die Gemeinde mit ihren Anliegen nicht zuletzt wegen wirtschaftlichen Zwängen vor einer sehr schwierigen Herausforderung?
Da sind wir bei meinem Lieblingspunkt. Der Flughafen ist wie gesagt ein Standortvorteil für die Region. Wirtschaftlichkeit ist unbestritten wichtig. Dass dies jedoch als Argument verwendet wird, um nichts gegen die Fluglärmbelastung zu unternehmen oder diese Belastung kleinzureden, ist allerhand. Niemandem käme es heute noch in den Sinn, zum Beispiel die hohen Abgasanforderungen für Verbrennungsmotoren anzuzweifeln, obwohl diese im Gesamten sehr hohe Kosten verursachen. Als ich in den 80-er Jahren Mechaniker Lehrling war, wurde eine hitzige Debatte pro und Contra Katalysatoren geführt. Selbst bleifreies Benzin, schwefelarmes Heizöl und Diesel gab es noch nicht. Auch dies hatte, wenn man so will, enorme Kosten zur Folge. Alles falsch?

Sie sind Mitglied der Fluglärmkommission, einem beratenden Gremium des Regierungsrates Basel-Landschaft für die Behandlung von Fluglärmfragen; wie gross sind die Einflussmöglichkeiten dieses Gremiums in Wirklichkeit?
Das Gremium hätte schon Möglichkeiten und sogar einen gesetzlichen Auftrag dazu. Es müsste nämlich Vorschläge machen zuhanden der Regierungsräte von Baselstadt und Basel-Landschaft zu Zitat: «Ausschöpfung der Massnahmen zur weitergehenden Reduktion der Lärmbelastung, die technisch und betrieblich möglich so-wie wirtschaftlich tragbar sind». Aber die Kommission sieht ihre Aufgabe nur in der Redaktion des immer (fast) gleichen Fluglärmberichtes und des Austausches mit dem Flughafen. Sämtliche Anträge meinerseits, die in Richtung des Auftrages gegangen sind, wurden sang und klanglos abgelehnt. Neuerdings will die FLK gar die Regierungsräte bitten, dass ihr Auftrag nur noch das Verfassen des Fluglärm Berichtes umfasst. Somit wäre die Kommission auch offiziell wirkungslos.

Die Forderungen in der Petition des Gemeinderates beziehen sich vor allem auf die Nachtflugsperre, Verhinderung eines geplanten Bahnanschlusses und die Berücksichtigung der Fluglärmbelästigung auf Schweizer Boden beim Lärmvorsorgeplan. Welche Themen beschäftigen Sie zudem?
Da gibt es noch eine ganze Palette. So ist beispielsweise in der Stunde von 6 bis 7 Uhr der Grenzwert nur nicht überschritten, weil diese nicht separat gezählt wird, sondern die Werte über den ganzen Tag «geglättet» werden. Auch am Tag ist der Lärm zu reduzieren, z.B. mit obligatorischem Start am Pistenende, bei gleichbleibendem Steigwinkel, um schneller an Höhe zu gewinnen. Es ist weiter nicht einzusehen, dass Flugzeuge mit Destination Ost erst eine Westkurve über Allschwil fliegen, um dann nach einem ¾ Kreis nach Osten abzudrehen. Und schliesslich ist das satellitengestützten Startverfahren (RNAV) zu korrigieren.

Für was steht denn dieses satellitengestützte Startverfahren (RNAV) und was sind diesbezüglich Ihre Forderungen?
Das Verfahren wird seit 2014 angewandt und soll die Piloten beim Start unterstützen. Wie sich gezeigt hat, hat sich aber damit die Flugroute nach Süden, also voll über das Allschwiler Siedlungsgebiet, verschoben. Dies ist natürlich inakzeptabel. Das «Allschwil-S» ist, wenn überhaupt, nur dann zulässig, wenn die Flugroute zur Hauptsache über unbesiedeltes Gebiet zwischen Hégenheim und Allschwil führt, was heute eindeutig nicht mehr der Fall ist. Selbst diese Tatsache wird jedoch vom EAP, der zuständigen französischen Behörde, dem BAZL und den Regierungen BS und BL bestritten. Eine einst zugesicherte Überprüfung der Auswirkungen wird, trotz entsprechenden Vorstössen im Landrat, bis heute verweigert.

Beim Thema Südlandungen verlangen Sie, dass die ILS 33-Landeregelung korrekt angewendet werden muss und die Windlimite auf 10 Knoten erhöht wir: Was heisst das und was bringt dies konkret?
Für die Südlandungen wurde eine Maximalquote von 10 Prozent festgelegt. Dies wurde 2017 und 2018 überschritten. Gegenmassnahmen: Fehlanzeige. Stattdessen Lamentos, dass dies technisch notwendig sei, obwohl an den meisten Flughäfen die genannte 10-Knoten-Regelung gilt. Die Südlandungen sind ein grosses Problem, da Allschwil (wie auch Binningen und Neubad) in geringer Höhe überflogen werden. Und dies, im Gegensatz zu den Behauptungen vor der Einführung von ILS, mit relativ hoher Motorleistung, die entsprechend Lärm produziert.

Welche flankierenden Massnahmen sollen denn in erster Linie dazu verhelfen, die Lärmbelastung zu reduzieren?
Da wären einmal die Erhöhung der Lärmgebühren und die Forcierung der Ost-West-Pisten-Nutzung zu nennen. Wichtig wäre eine Lärmgebührenordnung, die den Namen verdient; die heutige ist eine Lachnummer. Nicht ein-zusehen ist auch, weshalb das Gebiet von Basel-Stadt heute fast vollständig von Überflügen ausgenommen ist, obwohl ja bekanntlich Baselstadt der Flughafenbetreiber ist. Baselstadt fährt mit der heutigen Regelung, die den Fluglärm hauptsächlich nach Allschwil exportiert, ausgesprochen gut.

Denken Sie, dass der Grossteil der Allschwiler Bevölkerung bezüglich EuroAirport und immer mehr Fluglärm und grösserer Lärmbelastung gleich denkt wie der Allschwiler Gemeinderat?
Die bisherige Reaktion auf unsere Petition bestärkt uns klar in unserem Vorgehen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Allschwilerinnen und Allschwiler bald wieder ruhiger «schlafen» können?
Der Weg ist noch weit und steinig. Schnelle Lösungen sind leider nicht zu erwarten. Wichtig ist aber, dass Allschwil klare Forderungen stellt und diese beharrlich und unerschrocken vertritt.

Für Gemeinderat Franz Vogt ist klar: «Der Weg ist noch weit und steinig. Wichtig ist,
dass Allschwil klare Forderungen stellt und diese beharrlich und unerschrocken vertritt».
Foto ja


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